Im Dunkeln klettert es sich gemütlicher… | Fußstein Nordkante im Winter

Im Dunkeln klettert es sich gemütlicher… | Fußstein Nordkante im Winter

Text & Fotos: Silvan Metz

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Martin Feistl, Raphaela Haug, Robert Grasegger, Silvan Metz und Susi Süßmeier sind Teil des Mountain Equipment Teams. Sie waren schon oft miteinander beim Klettern, auf Skitour, im Biwak – aber noch nie alle fünf gemeinsam unterwegs! Zur Premiere gab es eine 20h-Tour…

Mit über 20 Kilo auf dem Rücken läuft es sich nicht mehr so leichtfüßig auf Tourenski. Das müssen wir feststellen, als wir im Tiroler Valsertal vom Parkplatz loslaufen. Also besser nicht daran denken, dass es noch 1000 Höhenmeter zur Geraer Hütte sind. Der Gedanke, dafür im gemütlichen Winterraum ein Festessen aus den Rucksäcken zaubern zu können, ist schon viel besser!

Aber warum sind die Rucksäcke so schwer?

Martin, Robert, Susi, Raphaela und ich wollen im Valsertal-Kessel in die Mixedsaison starten. Neben dem bereits erwähnten Edelessen – wer mag schon Tütenfraß nach einer langen Tour? – muss allerlei Eisenware mit: Die meisten Klettereien an Sagwand, Schrammacher und Fußstein sind harte, lange Granittouren, von denen sich viele nicht vor Chamonix verstecken müssen. Schlaghaken, doppelter Friendsatz, Microcams, Keile, Pecker und eine abgespeckte Technoausrüstung sind bis auf wenige einfache Touren hier Standard. Und eine Menge Rückzugsmaterial, denn anders als in Chamonix sind hier kaum Kletterer unterwegs, so dass die meisten Abseilstände selbst eingerichtet werden müssen. Weil wir mit Ski zusteigen, tragen wir die Bergschuhe ebenfalls am Rücken. Zu guter Letzt warten auch noch die ganz warmen Daunenjacken im Rucksack auf lange Sicherungssessions.

Kein Wunder, dass wir etwas erledigt an der Hütte aufschlagen.

Umziehen, Ofen anheizen, Rucksack auspacken. Das Übliche. Als wir das gesamte Essen auf dem Tisch ausbreiten und dieser überquillt, beschleicht uns der Verdacht, dass das vielleicht doch etwas zu viel sein könnte. Egal, immer noch besser als hungern zu müssen. Zu den Nudeln gibt es Glühwein und genug Schokolade, Gummibärchen, Kuchen, Brot und Schinken, so dass niemand an das Wort Rationierung denkt. „Eigentlich hab ich in Winterräumen immer Hunger…“, meint Robert, „aber so ist das irgendwie viel besser!“ Stimmt – und die Schultern tun nach so einem Festmahl auch nicht mehr weh.

Was machen wir morgen?

Uns erwartet ein schöner Tag, nur ein Ziel haben wir noch nicht. Die Sagwandseite hat auf einigen Schneefeldern Anrisskanten, fällt also raus. Dann gäbe es noch die Südrinne am Fußstein, in der sich eine lange, aber nicht sehr steile Eisspur gebildet hat. Vielleicht ganz gut, um sich zum Saisonstart einzupickeln. Und ganz gut, weil wir uns nicht an einer langen Tour aufreiben wollen und stattdessen übermorgen auch noch etwas klettern. Moonwalk steht gut da. Doch dann erwähnt jemand, dass es sich bei dieser Rinne früher im Sommer um den Normalweg gehandelt hat. „Einen Normalweg hochpickeln – nää!“. Gut, wenig sachliches, aber erschreckend stichhaltiges und schlüssiges Argument. Vielleicht doch die Nordkante?

Wo bin ich, wer bin ich und warum?

Um 4:30 Uhr reißt uns der Wecker aus dem Schlaf. Ah ja, Nordkante. Nach einem üppigen Frühstück – ja, es gab Milch zu den Cornflakes – stochern wir im Stirnlampenschein auf den dunklen Schatten vor dem mondlosen Nachthimmel zu. Auf seiner linken Seite zeigt sich die Nordkante im Profil. Nicht zuletzt durch die Auflistung in den berühmt-berüchtigten Führern von Walter Pause „Im extremen Fels“ wird diese Route unter den Valsertal-Touren mit Abstand am häufigsten geklettert. Allerdings im Sommer, dann sind die geneigten Granitplatten ein einfacher Genuss. Im Winter dagegen zeigt der Fels seine Zähne: Er hat nicht nur Susi schon einmal abblitzen lassen.

Mit dem ersten Licht kommen wir am Einstieg an.

Schon die ersten zwei Meter zeigen, wie gemein glatter Granit zu Steigeisen sein kann. Es folgt eigentlich eine lange Querung, aber Robert entscheidet sich für eine direktere Variante. Susi und Martin klettern parallel die Originallinie. Wir dagegen schrauben uns unter Roberts Führung über ein paar Platten und einen komischen dreidimensionalen Überhang nach oben. Schön, aber nicht so spannend. Ein Bekannter hat gesagt: Wenn du eine Nordwand spannender machen möchtest, bringt es nichts Eisschrauben hinunter zu werfen (die haben wir eh nicht dabei) – nein, es muss schon ein Eisgerät sein. Gut, denkt sich Martin, ist einen Versuch wert. Dummerweise stellt sich heraus, dass hier die Mixedkletterei mit einem Gerät wunderbar funktioniert. War wohl nichts. Spannender ist dagegen eine schwer abzusichernde „chamonieske“ Rinne, zumindest für die Vorsteiger.

 

Keine Chance mehr, den Gipfel im Hellen zu erreichen.

Mittlerweile klettern wir wieder alle zusammen und kommen bald auf dem zentralen Schneefeld an. Während Robert noch eine Länge in den darüber liegenden Platten bearbeitet, beratschlagen wir. Es ist schon spät, letzte Chance im Hellen abzuseilen. „Das Praktische am Klettern im Dunkeln ist, dass man keinen Stress mehr hat rechtzeitig fertig zu sein bevor es dunkel wird. Ist also viel gemütlicher“, tue ich eine wenig lehrbuchtaugliche, aber empirisch nachgewiesene Weisheit kund. Und übernehme in der Dreierseilschaft den Vorstieg. An Abseilen hat sowieso keiner ernsthaft gedacht. „Das hättet ihr euch echt abschminken können“, bestätigt Robert. „Gemütlich“ klettere ich also über die folgenden Platten, die von feinen Rissen durchzogen sind und richtig Spaß machen. Jetzt kommt sogar noch die Sonne ums Eck. Sie steht schon tief über dem Horizont. „Ja klar, kaum wird das Licht so richtig gut zum Fotografieren bin ich am Vorsteigen“, hadere ich, aber eigentlich freue ich mich wie ein kleines Kind über diese grandiosen Seillängen. Den Höhepunkt bildet ein Riss, der über einige Meter soweit geschlossen ist, dass nur die Hauenspitzen und Frontzacken darin Platz finden. Zwei einfache Seillängen vor dem Gipfel wird es dunkel, wenig später sitzen wir auf selbigen.

Ach wie schön ist ein überquellender Tisch voller Essen!

Das Abseilen geht verhältnismäßig gut, die warmen Daunenjacken machen sich jetzt bezahlt. Nach gut vier Stunden sind wir wieder bei den Skiern und um Mitternacht an der Hütte. Wir veranstalten noch ein müdes Massaker an unserer reich gedeckten Tafel, dann fallen wir in die Betten. Am nächsten Morgen schlafen wir aus, frühstücken gemütlich und fahren zu den Autos. Irgendwie hatte die Mehrheit dann doch keine Lust mehr auf die eigentlich geplante zweite Tour…

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Das Team

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Martin Feistl

Martin kam 2019 zum deutschen Mountain Equipment Team. Er war Mitglied des DAV Expedkaders 2016-2018. Wenn er nicht in steilen Wänden und auf hohen Bergen unterwegs ist, studiert er Geografie an der Uni Augsburg und arbeitet in einem Augsburger Bergsportladen.

 

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Raphaela Haug

Raphaela war Mitglied des DAV Expedkaders 2017-2019. Die gebürtige Allgäuerin lebt in Innsbruck – der perfekte Standort für Touren in den Alpen. Wenn sie nicht in den Alpen unterwegs ist, klettert sie den Gebirgen dieser Welt.

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Robert Grasegger

Robert wurde 1992 geboren und wohnt seitdem in Grainau, wo er vermutlich jeden Berg kennt. Er verdient sein Geld bei der Berufsfeuerwehr in München. Wenn er nicht in den Alpen unterwegs ist, findet man ihn häufig auf heimischen Graten wie dem Jubiläumsgrat, den er schon einmal in unter 2h klettern konnte. Seine Lieblingsdisziplin ist aber ganz klar das Mixedklettern, das für ihn die Königsdisziplin des Bergsports ist.

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Silvan Metz

Silvan, Jahrgang 1997, lebt in seinem Van und ist Bergfotograf. Je alpiner, aufwendiger und ausgesetzter ein Shooting ist, desto besser. Wenn er nicht in seinen Foto-Fixseilen abhängt, klettert er am liebsten lange, klassische Routen und rissigen Granit –  optimalerweise beides zusammen.

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Susi Süßmeier

Susi, Jahrgang 1991, war Mitglied im DAV Expedkader Frauen 2014-2016. Sie studiert Sportwissenschaften in Innsbruck, ist Tiroler Bergwanderführerin und Bergführeraspirantin. Im Winter liebt sie die Henkel des Eisgerätes, im Sommer sind auch Dolomitenhenkel ok. :-).

 

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