Kaffee und Kuchen

Kaffee und Kuchen

Kaffee und Kuchen | Traunstein

Peter Schwamberger
Text: Peter Schwamberger, Mitglied NFÖ Alpinkader 2020-2021
Fotos: Georg Krewenka, Toni Neudorfer, Manfred Spitzbart/NFÖ Ohlsdorf

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Was ein bisschen nach klassischem Après-Kletter-Menü klingt, ist für viele Kletterinnen und Kletterer im Salzkammergut eine Route der Begierde. Auch mich zieht die Route „Kaffee und Kuchen“ seit Jahren in ihren Bann.

2008 wurde die Route „Kaffee und Kuchen“ durch die Westflanke des Traunsteins von Toni Neudorfer und Erik Horvat erstbegangen: 1.100 Klettermeter, 30 Seillängen, 7+, 7 obl. Mein erster Versuch war ebenfalls 2008 und endete bereits beim Zustieg. 16-jährig war ich wohl noch zu „grün“ hinter den Ohren. Besser ging es 2009, wir mussten aber nach Seillänge 26 ausqueren… Damals war ich Wettkampfkletterer und alpine Mehrseillängenrouten hatten keine Priorität.

Peter Schamberger in "Kaffee und Kuchen"

2013 stand ich dann das erste Mal beim Ausstieg. Ich war überwältigt – aber auch echt fertig. Über 11 Stunden Kletterzeit! Das Après-Kletter-Menü im Traunsteinhaus der Naturfreunde, das die Erstbegeher zum Routennamen inspiriert hatte, hatten wir uns verdient.

Es gibt zahllose Kletterrouten, die hakt man ab, sobald sie geschafft sind. „Kaffee und Kuchen“ fällt für mich in die gegenteilige Kategorie. Die Westflanke des Traunsteins lässt mich nicht mehr los. Hunderte Male habe ich die Linie vom Seeufer aus studiert. Obwohl sie auch meine Trainingsroute war und ist und ich mich dort auf etliche Unternehmungen vorbereitete, hat sie immer einen ganz speziellen Reiz für mich bewahrt.

Speedrekord in 1 Stunde 26 Minuten

Was ich lange nicht begreifen konnte, war die Speedbegehung der Erstbegeher in 1 Stunde 56 Minuten. Eine dermaßen lange, schwere und nicht immer ganz feste Route am laufenden Seil in so einer Zeit zu bewältigen war mir ein Rätsel. Jahrelang beschäftigte mich der Gedanke, irgendwann diesen Rekord zu brechen. 2019 war es Toni Neudorfer selbst, der mir von einer Filmproduktion über den Traunstein erzählte. Das TV-Team wollte auch etwas übers Klettern bringen, etwas Spektakuläres. Wie wär’s mit einem Versuch, den Speedrekord zu knacken? Tonis eigenen Rekord.

Innerlich zerriss es mich. Natürlich wollte ich mitmachen. Gleichzeitig schien mir das Risiko groß, eine 800 Meter hohe Wand am laufenden Seil so schnell wie möglich klettern zu wollen.

Die Route "Kaffee und Kuchen" am Traunstein

Doch die Zweifel verflogen schnell: Schon beim zweiten Versuch konnten wir eine 3-Stunden-Zeit erzielen. Am 6. Juni 2019 gelang uns mit 1 Stunde 32 Minuten ein neuer Rekord. Da die Dreharbeiten erst für den 8. Juni angesetzt waren und Toni voll motiviert war, auch diese Zeit zu unterbieten, gaben wir noch einmal Vollgas. Und wir konnten die Zeit auf 1 Stunde 26 Minuten 47 Sekunden verbessern!

Solobegehung im März 2020

Für 15. März 2020 hatten wir geplant, zwei Mal an einem Tag durch die Westwand zu klettern. Leider kam Toni etwas dazwischen, und ich stand ohne Kletterpartner da. Also Planänderung! Seit einiger Zeit hatte ich mir einen „Silent Partner“, ein Gerät zum Soloklettern, geliehen und war mit diesem regelmäßig unterwegs, um irgendwann damit hohe Wände solo zu klettern. Bis dato war ich aber immer nur im Klettergarten damit gewesen. Doch einen Versuch konnte ich wohl wagen: zur Not bis zur 10. Seillänge, von dort könnte ich noch ohne Probleme abseilen.

Bei -2 Grad stieg ich morgens ins Auto und fuhr die Traunsteinstraße entlang. Die aufgehende Sonne brachte den See zum Glitzern. Dieser Berg macht mich einfach immer wieder glücklich! Die Kraft, die er ausstrahlt, fasziniert mich. Wie so oft startete ich voller Vorfreude meinen Weg durch das Bachbett, in Richtung Einstieg. Der Frühling ließ noch auf sich warten. 11 Stunden Sonne sollten aber reichen. Auch wenn wegen des Selbstsicherungsgeräts jede Seillänge zweimal zu klettern war – und Quergänge gleich dreimal …

Um Zeit zu sparen, wollte ich die ersten sieben Seillängen ohne Seil klettern. Doch mir war klar: Wenn schon, muss ich ohne Seil schnell und sicher unterwegs sein – aber das war ich nicht. Die ersten fünf Seillängen habe ich mich vielmehr „raufgefürchtet“. Also doch mit Seil. Und plötzlich ging es dahin. Fast meditativ spulte ich mein Programm ab: Seil fixieren, Seillänge klettern. Am Stand fixieren, abseilen, Expressen raus. Den unteren Stand abbauen und wieder raufklettern.

Peter Schamberger bei der Solobegehung

Ab Seillänge 22 wurde alles mühsamer. Und auch der Mut ließ nach. Krämpfe verhinderten zwischendurch, dass ich die Hand zum Clippen aufbrachte. Immer wieder Nässe – und Ernüchterung.

In den nassen 7+-Schlüsselstellen in der 25. Seillänge war es dann vorbei. In meiner Aufzeichnung, die ich unmittelbar nach der Tour anfertigte, ist nachzulesen:

Henkel, nasser Seitgriff, aufstehn, nasser Untergriff und klinken. Genau so hob i ma’s vorg’sogt. Und probiert und probiert. Oba ka Chance. Zu noss, zu schwoch und vor oim: zu feig! Hoidn duat a mi eh, da Silent Partner, oba wenn da Körper schwoch is, is da Kopf meist a …


Okay, bevor i jetzt aufher und ma a Biwak suach, probier’ i’s nu amoi: Selbstsicherung außer, vom Henkel auf den nassen Seitgriff … Aufstehn. Links und rechts auf nossen Tritten höher steigen und in den Untergriff … Jawoi! Jetzt nur nu cool bleiben und einhängen … PASST! G’schofft! … I woa fertig …

Die Sonne stand nur mehr knapp über dem Gmundnerberg. Also nicht mehr viel Zeit. Aber nur noch drei Seillängen. Drei Mal noch 6+. Der Körper ein einziger Schmerz. Stirnlampe auf beim letzten Stand. Dann: oben. „Kaffee und Kuchen“ solo. Endlich und nie wieder!

Die Warum-Frage

Nicht nur Laien, auch mir drängt sich nach solchen Aktionen die Frage des „Warum“ auf. Der ganze Schmerz, die ganze Furcht. Warum will ich mich so quälen? Aus einer gewissen Distanz betrachtet und mit dem nötigen zeitlichen Abstand kann ich mir das ein bisschen besser erklären. Im Moment der Extreme bin ich so intensiv bei mir. Mein Bewusstsein und meine Sinne sind ganz klar. Keine Ablenkung oder Störfaktoren lenken vom Leben ab. Die pure Kraft der Natur trifft mich so richtig, und ich habe das Gefühl, eins mir ihr zu werden.

Danke, Toni Neudorfer, für die Inspiration! „Kaffee und Kuchen“ lässt mich sicher weiterhin nicht los.

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