Perfektes Patagonien

Perfektes Patagonien

Text: Raphaela Haug Fotos: Raphaela Haug, Laura Tiefenthaler, Babsi Vigl, Fabi Buhl

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Was kannst du dir von deinem ersten Trip nach Patagonien erwarten? Einen Gipfel zu klettern? Vielleicht zwei? Oder erwartet man sich lieber gar nichts, um nicht enttäuscht werden?

Patagonien…

Die Region an der Südspitze Südamerikas ist bekannt für ihr unbeständiges, windiges Wetter. Bekannt dafür, dass Kletterer wieder und wieder kommen und doch nichts klettern (können). Zusätzlich zum Wetter ist die Kletterei anspruchsvoll, fordernd, lang. Manchmal braucht man für den Zustieg schon eine Biwaknacht. Und trotzdem ist es ein Ort, der die Menschen in ihren Bann zieht und nicht mehr loslässt – genau wie mich.

Fünf.

Fünf ist die Zahl der Gipfel, die wir in unserer ersten Saison in Patagonien klettern konnten. Eine Zahl, die selbst nach unserer Rückkehr noch nicht greifbar ist. Es ist immer noch unglaublich, wie wir so viel Wetterglück haben konnten: Aguja Guillaument, Aguja de l´S, Aguja Poincenot, Cerro Torre und Cerro Fitz Roy. Wir, das sind Laura Tiefenthaler und ich. Wir kennen uns aus unserer Zeit im DAV Expedkader.

Aguja Poincenot

Der Plan: Aguja Poincenot in einem "Singelpush" mit gemeinsamem Zustieg und eigenständigem Klettern. Gemeinsam mit Laura und zwei weiteren Seilschaften laufen wir um 21.30 Uhr los. Es ist ein komisches Gefühl, wenn die Sonne untergeht und man weiß: Jetzt geht es erst los. Anfangs denke ich noch, durch die Nacht zu laufen sei reine Kopfsache. Falsch gedacht. Ich bin froh, als wir die Einstiegsrampe erreichen. Am laufenden Seil geht es durch die Nacht. Mit dem Erreichen der Schlüsselseillänge geht die Sonne auf – mit ihr kommt meine Energie zurück. Laura cruist durch die Crux hindurch, danach geht es in leichterem Gelände Richtung Gipfel. Je höher wir steigen, desto mehr Wind bläst uns entgegen. Wir geben Gas, wohlwissend, dass der Wind immer mehr zunehmen wird. Am Gipfelgrat ist er schon so stark, dass wir Angst haben, davongeblasen zu werden. Jetzt schnell nach unten! Nach 21 Stunden erreichen wir unseren Ausgangspunkt «El Pilar» wieder. Erschöpft, hungrig, aber glücklich.

Cerro Torre

Es gibt wenig Berge, die eine so unglaubliche Ausstrahlung haben wie der Cerro Torre. Ein Berg mit so viel Geschichte! Auch uns hat er angezogen, wir wollen versuchen ihn als erstes Team der Saison zu erklettern. Laura und ich sind gemeinsam mit Fabi Buhl am Seil, mit von der Partie sind die Franzosen Matthieu Perrussel, Christophe Ogier und Jean Baptiste Tapie. Unser Ziel ist die Ragni Route auf der Westseite des Berges. Eine Route, die vor allem wegen ihrer surrealen Rime-Formationen bekannt ist (Rime oder rime ice bezeichnet ein für den Cerro Torre typisches dickes "Rauhreifeis" oder Anraum). Und eine Route, die jedes Jahr andere Verhältnisse hat und deren "Eröffnung" etwas mit einer Erstbegehung gemein hat: Man weiß nicht, ob man oben ankommen wird. Der meterdicke Anraum lässt sich extrem schlecht absichern, oft klettert man durch einen Anraum-Tunnel. Manchmal aber existieren natürliche Tunnel, diese sind dann mit Eis überzogen und können perfekt geklettert werden. Beim ersten Mushroom klettern wir durch genau so einen Eis-Tunnel – eine unvergessliche und gleichzeitig bizarre Erfahrung. Wir arbeiten uns dem Gipfel entgegen, mal steigen die Franzosen vor, dann wieder wir. Christophe übernimmt den letzten Rime-Pilz und klettert über zwei Drittel davon, bevor er an den Italiener Edoardo Saccaro übergibt. Die Eröffnung des größten Teils der Ragni-Route als erstes Team der Saison ist ein besonderes Erlebnis. Die Großartigkeit der Landschaft, Berge und Gletscher auf der Westseite und die endlose Steppe auf der Ostseite... Diese Anblicke haben sich in mein Gedächtnis gebrannt.

Cerro Fitz Roy

Die bisherige Saison war wettertechnisch schwierig, es gab wenig gutes Wetter zwischen November und Ende Januar. Irgendwie haben wir aber wieder Glück – ein weiteres Wetterfenster ist im Anmarsch! Einfach nur unglaublich!! Gemeinsam mit der Österreicherin Babsi Vigl wollen wir auf den Cerro Fitz Roy über die Supercanaleta Route klettern, eine 1965 eröffnete Linie zum Gipfel. Die ersten 1000 Meter klettert man ein mit Schnee und Eis gefülltes Couloir, danach folgt steile Fels- und Mixed-Kletterei bis zum leichteren Gipfelaufbau. Wir steigen viele Kilometer durch Wald und auf Moränen zu, hinauf zum Paso Cuadrado und wieder hinunter an den Einstieg der Tour. Am selben Abend, als es bereits dämmert und Schnee und Eis fester werden, klettern wir das tausend Meter Eiscouloir zu einem Schlafplatz unter einen großen Block. Hier beginnt der schwierigere Teil der Route. Dann die Entscheidung für den nächsten Tag: Mit oder ohne Biwak-Equipment zum Gipfel? Wir entscheiden uns für mit. Zu Recht: Der zweite Tag ist anspruchsvoller als erwartet. Die Risse vereist, der Fels oft bedeckt mit Schnee. Es wird wieder spät und wir beschließen 20 Meter unterhalb des Gipfels zu biwakieren. Mit einem positiven Nebeneffekt: Denn einen Sonnenuntergang und -aufgang hoch oben am Cerro Fitz Roy zu erleben ist etwas ganz Besonderes! Die Berge um uns glühen im letzten Abendlicht. Selten habe ich einen so schönen Sternenhimmel gesehen. Am nächsten Morgen klettern wir nochmals auf den Gipfel, seilen über die Aufstiegsroute ab und machen uns auf den langen Weg zurück nach El Chaltén.

Verarbeiten & wiederkommen.

Es fällt mir noch immer schwer, all die Erlebnisse in Worte zu fassen. Ich weiß, dass ich noch einige Zeit brauchen werde, um unsere Patagonienzeit wirklich zu verarbeiten, vor allem zu begreifen, was für eine perfekte Saison wir hatten. Wir durften Patagonien von der schönen Seite kennen lernen. Und erlebten unglaubliche Momente mit Freunden in spektakulären Bergen – Momente, die ich niemals vergessen werde. Die Frage, ob ich zurückkehre, wurde bereits während dieser ersten Reise mit einem deutlichen JA beantwortet. Dennoch ist mir klar, es kann nicht immer so laufen. Was mich wohl das nächste Mal in Patagonien erwarten wird?
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