Kalt, kälter, Kanada: Eiskalter Pickelgenuss | Eisklettern

Kalt, kälter, Kanada: Eiskalter Pickelgenuss | Eisklettern

Text: Susi Süßmeier

Fotos: Susi Süßmeier & Philipp Schädler


Kurz und knapp

Anreise: Flughafen in Calgary, von dort ist es eine gute Autostunde nach Canmore

Mobilität: Mietwagen. Je nach Ziel den dicksten, der aufzutreiben ist. Fürs Ghost am besten einen Monstertruck, den gibt’s aber nicht zu mieten. Auf jeden Fall bei der Vermietung auf ordentlichen Winterreifen bestehen! Auch auf den Highways liegt häufig Schnee. Außerdem ist eine gute Versicherung für das Auto zu empfehlen: Steinschlag in der Scheibe ist durchaus wahrscheinlich…

Unterkunft: Wir hatten aufgrund unseres langen Aufenthaltes eine Homebase in Canmore, einer Kleinstadt am Rande des Banff National Parks. Das ist ein guter Ausgangspunkt für Eisfälle zwischen dem Ghost, den Kananaskis, Mt. Roundle und Stanley Headwall. Generell lässt es sich gut in Hostels unterkommen, auch wenn man dann etwas fahren muss (Canmore – Icefields Parkway – Weepingwall: 2,5h). Hostel finden geht gut über www.hihostels.com. Gut zu wissen: Am Icefields Parkway gibt es eine Winterraum-ähnliche Unterkunft namens Ramparts Creek – ein sehr gemütlicher Ausgangspunkt für viele Eisfälle entlang des Icefields Parkways.

Saison: Ab November werden die ersten Eisfälle geklettert, so richtig gut wird’s ab Dezember. Auch im Februar wird noch viel geklettert, die südseitigen Eisfälle sind dann aber oft nicht mehr ideal…

Führer: Führerliteratur ist knapp, es gibt einen neuen Auswahlführer (Ice Lines von Brent Peters), eine App (Ice and Mixed App von Will Gadd) sowie einen alten Mixed- und einen Eisführer, welche allerdings beide vergriffen sind. Wer einen Trip dorthin plant, sollte auf jeden Fall versuchen an eine Kopie oder ein Exemplar von diesen zu kommen! Des Weiteren gibt es eine aktive Facebook-Gruppe und viele Infos auf www.gravsports-ice.com.

Sonstiges: Ski/ Schneeschuhe sind je nach Schneelage hilfreich – wie bei uns in den Alpen eben auch.


Zu kalt gibt es nicht

Das Thermometer zeigt -26°C als wir aus dem Auto steigen. Immerhin. Einige Kilometer zuvor waren es noch -32°C. Kaum sind wir ausgestiegen, haben meine Haarspitzen einen weißen Reifüberzug. Durch laut knirschenden Schnee laufen wir zum Einstieg von Polar Circus am Icefields Parkway – ein Klassiker, der zu den bekanntesten Eisfällen der Rocky Mountains zählt. Er bietet 450 Meter südseitigen Eisklettergenuss, je nach Bedingungen bis zum Schwierigkeitsgrad WI5. Die ersten Stufen klettern wir seilfrei nebeneinander und genießen die Kletterei an eingepickeltem Eis. Unser Vorsatz heute: In Bewegung bleiben, bloß nicht stehen bleiben! Manchmal hat man das Glück und es steht eine Säule, genannt The Pencil (WI6), die als Variante geklettert werden kann. Wir haben Glück der anderen Sorte: Uns grüßen große Eisbrocken in der Schneerinne. Auf einem Foto vom Vortag hing an dieser Stelle noch ein nahezu zum Boden gewachsener riesiger Zapfen! Gut, dass wir nicht zur falschen Zeit an dieser Stelle stehen…

Den schönsten Teil des Eisfalles stellen die oberen Längen dar. 250m vorwiegend senkrechtes Eis, das bei guten Timing in der Sonne geklettert werden kann. Wir haben leider schlechtes Timing und keine Sonne. Ich packe Tanzmoves aus, um mich warm zu halten, während ich Philipp in der ersten Länge sichere. Dann bin ich mit Vorsteigen an der Reihe. Wo ist der nächste Hook? Klirr, Ratsch, eine große Scholle bricht heraus, ein langer Riss breitet sich über den Eisfall aus. Bei der Kälte ist ins Eis schlagen wohl keine gute Idee und ich bleibe doch bei der Hookstrategie… Am letzten Stand sind wir dann zu dritt: Die lang ersehnte Sonne und wir zwei. Nun heißt es Abseilen, Teetrinken, zurückfahren nach Canmore. Fazit: Zu kalt gibt es nicht!

Duschen bei -20°C

Auch die folgenden Tage soll es eiskalt bleiben. Trotzdem sind wir motiviert die Eisgeräte zu schwingen. Ausgerüstet mit warmen Kunstfaser Hosen (z.B. Compressor Pant), den dicksten Daunenjacken (z.B. Sigma Women’s Jacket) und Aktivkohle-Wärmepads in den Handschuhen klettern wir noch Mixed Master an der Weeping Wall (ebenfalls am Icefields Parkway) und die Whiteman Falls in den Kananaskies. Die Whiteman Falls (WI 6, 80m) liefern uns nebenbei eine Erklärung zu ihrem Namen: Die obere Seillänge gleicht trotz Temperaturen unter -20°C einer Dusche. Oben angekommen sind wir von Kopf bis Fuß mit einer Eisschicht überzogen – zwei „Whitemen“ eben.

Bild unten: Whiteman Falls (WI6, 80m). Der Zustieg führt durch eine wunderschöne Schlucht, kann aber je nach Bedingungen abenteuerlich sein. Rechts des Eisfalls befinden sich zwei Mixed Touren. So gibt es dort einige Meter zu klettern, die den mit ca. 1,5h nicht ganz kurzen Zustieg rechtfertigen.

Spektakuläre Eisrouten – mit spektakulärer Anfahrt

Ein Abenteuer der ganz anderen Sorte findet man im Ghost. Das Ghost ist ein vom Ghostriver geprägter Talboden im Osten der Rocky Mountains. Dort gibt es mitunter die schönsten und spektakulärsten Eisrouten in den Rockies, zu nennen wären The Real Big Drip, The Sorcerer, Hydrophobia, Fang and Fist, die Recital Hall mit Rainbow Serpent und Fearfull Symmetry und viele, viele mehr! Wäre da nicht die Anfahrt: Wer für den puren Offroad Spaß mit seinem Geländewagen in das Tal kommt, mag begeistert sein. Für uns Eiskletterer stellen die nicht immer gefrorenen Flussüberquerungen und „Auto-schluckenden Triebschneeanhäufungen“ (Übersetzung nach dem Führer „Waterfall Ice“, Joe Josephson) oft die Schlüsselstelle des Tages dar…

Früh morgens machen wir uns mit unserem Geländewagen auf den Weg. Starke Winde begrüßen uns am Taleingang, wir sind aber in unseren Gedanken bei der bevorstehenden Flussquerung: Wird das Eis unseren Jeep tragen? Es trägt! (Fast) Problemlos kommen wir zum Parkplatz und machen uns zu unseren Eisrouten auf. Nach etwas Schneewühlerei und einer Länge Eis (Aquarius, WI4) stehen wir in der Recital Hall, wo wir einen 2-Seillängen-Eisfall, den Rainbow Serpent (WI6), erwarten. Von weit oben hängt uns ein Vorhang entgegen, aber zum Glück gibt es eine mit Bohrhaken eingerichtete Mixedlänge (M8+?), um das Eis zu erreichen. Im Eis angekommen geht es in 3D-Kletterei über Eispilze und Röhreneis zum Ausstieg – ein Genuss!

Zurück beim Auto ist der Genuss dann mit einem Schlag vorbei. Der starke Wind hat den Tag über fleißig gearbeitet und mächtige Triebschneepakete angehäuft. Stundenlang sind wir damit beschäftigt, den Schnee unter dem Auto wegzuschaufeln, um ein paar Meter weiter zu kommen. Fazit: Eisklettern im Ghost? Empfehlenswert! Wenn da nicht die Anreise wäre….

Bild oben: Rainbow Serpent, 2 Seillängen, WI6. Zustieg über Aquarius, WI4. Wenn sich die Säule in der ersten Seillänge nicht ausbildet, gibt es eine Bohrhakenvariante im Fels. Und ja, du siehst richtig: Der Kletterer ist durch ein Loch im „Vorhang“ auf die Außenseite geklettert.

Was bleibt?

Insgesamt waren wir knapp vier Wochen von Mitte Dezember 2017 bis Anfang Januar 2018 in Kanada. Wir haben in einem Zimmer in Canmore gewohnt und uns den geländetauglichsten Mietwagen, den wir auftreiben konnten (fürs Ghost) geliehen. Die Tage zu dieser Zeit sind kurz (acht Stunden zwischen Sonnenaufgang und -untergang). Wenn der erste Schnee gefallen ist, hilft eine Zustiegshilfe à la Ski oder Schneeschuhe bei nicht ständig begangenen Eisfällen.

Was bleibt? Schöne Erinnerungen an ein Land mit wilder, beeindruckender Natur, unheimlich freundlichen Menschen und Eisfällen, die jedes Eisklettererherz höherschlagen lassen!

Mein Highlight: Die Stanley Headwall mit Nemesis (WI 6) und Suffermachine (M7, WI5)!

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Klettern, Susi Süßmeier, Team