Einsame alpine Klassiker

Einsame alpine Klassiker

Text & Fotos: Tim Neill

Tim Neill ist ein sehr erfahrener britischer Bergführer, der seit den 90er Jahren klettert. Er liebt abenteuerliche Routen und hat eine Menge alpine Erfahrung. Deshalb haben wir ihn gebeten, uns drei wenig begangene alpine Klassiker zu verraten.

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Im Folgenden stellen wir euch drei Touren in den westlichen Alpen vor – in unterschiedlichen Schwierigkeitsgraden, aber ähnlichem Stil. Für europäische Verhältnisse ist es auf allen drei Routen sehr ruhig und abgeschieden, obwohl sie alle auf bekannte Viertausender gehen. Da es sich um lange Hochtouren handelt, braucht ihr ein gutes Händchen für die richtigen Bedingungen und ein eingespieltes Team. Ihr werdet mit frühen Starts, brüchigem Fels, solider Kletterei, Klettern im Schnee ohne Steigeisen sowie Klettern von Fels mit Steigeisen konfrontiert werden – aber auch mit atemberaubenden Aussichten … und mit kraftraubend langen Abstiegen.

 

Weisshorn (4.506m), Ostgrat (ZS)

Das ist in vielerlei Hinsicht eine großartige Tour! Am ersten Tag steigt man von Randa im Mattertal zur kleinen hübschen Weisshornhütte auf. Das wärmt eure Muskeln schon mal auf. Ich empfehle früh loszugehen, damit ihr Zeit zum Ausruhen und Erkunden des Einstiegs habt.

Am zweiten Tag solltet ihr zeitig vor dem Morgengrauen los. In der Dunkelheit geht es über eine kurze Schneepassage, gefolgt von ausgefeilten Felsvorsprüngen zu einer exponierten Kraxelei. Während die Sonne langsam aufgeht, erreicht ihr den Kamm des spektakulären Ostgrats.

Anschließend führt die Tour wie auf Messers Schneide über kleine Türme mit wundervoller Felsqualität und schließlich zum letzten Kamm. Diese Passage ist sehr ausgesetzt. Bestenfalls findet ihr auf dem Rückweg guten Schnee ohne Eis vor. Seid vorsichtig!

Das Weisshorn kann man von den vielen Punkten der Alpen sehen. Im Gegenzug ist die Aussicht von seinem Gipfel gigantisch. Du bist hoffentlich fit genug, sie in vollen Zügen zu genießen und danach sicher abzusteigen.

Ich habe diese Tour ein paar Male gemacht. Mein Tipp: Nimm dir nicht zu viel für den nächsten Tag vor!

Ausrüstung:

Ein 40 m Seil ist ausreichend. Es gibt einige kurze Absätze, über die man über eingebohrte Ringe abseilen kann.

Ein kleines Set Cams mittlerer Größe, ein kleines Set Schlingen und einige Express-Schlingen. Pickel, Steigeisen und mindestens eine Eisschraube, falls der Grat eisig ist. Am wichtigsten ist eine gute Steigeisentechnik! Eine gute Akklimatisierung ist ebenfalls essenziell. Und eine Kamera.

 

Die Grandes Jorasses (4.208m), Tronchey Grat (S/SS)

Das ist definitiv die Wildcard dieser Liste. Ich bin die Tour vor einigen Jahren während einer Abschlussprüfung für Bergführer geklettert. Glücklicherweise waren alle angehenden Bergführer, die dabei waren, mit dieser Art von Gelände vertraut.

Schon der Aufstieg vom Val Ferret zur Jachia Biwakschachtel ist eine ernste Alpintour und sehr anspruchsvoll. Das Hüttenbuch wird wahrscheinlich immer genug Platz für neue Einträge haben. Es ist ein wahnsinniger schöner, atemberaubender Ort.

Nach einem sehr frühen Start geht es über einen anspruchsvollen Grat auf eine Scharte zwischen den wilden Ost- und Südwänden der Jorasses. Von hier an geht die Route über und um große Türme. Hierzu gibt der Führer nur spärliche Informationen. Schließlich klettert man über Mixed Gelände auf den Point Walker. Das Zitat des Tages für uns Briten „This is Big Country!“ (Anm.: Name einer britischen Popband und ihres Songs). Auch nach anderen Routen wie „Walker Spur“ oder „Colton Macintyre“ auf den gleichen Gipfel finde ich, dass diese Tour einfach eine wahnsinnige Erfahrung ist.

Wir schafften es damals ohne Stirnlampen zurück zur Straße, haben eine Pizza gegessen und uns auf den nächsten großen Tag vorbereitet.

Obwohl dies wohl eine Route für alpinen Kenner und Könner ist, werden sich hier die Geister der wenigen Begeher scheiden. Es ist zweifellos eine anspruchsvolle Unternehmung auf einen großen Berg, der jedes erdenkliche alpine Gelände bietet.

Ausrüstung:

Ein robustes 60 m Einfachseil oder ein Doppelseil (scharfe Kanten!), ein Set Cams, Keile und Schlingen, ein Pickel und Steigeisen, eine oder zwei Eisschrauben für den Abstieg über die Südwand der Jorasses, extra Bekleidung und einen kleinen Kocher für den Fall der Fälle. Das Rifugio Boccalatte (im Sommer bewirtschaftet) ist ein wunderschöner, einladender Ort zum Pausieren, falls euch hier die Kräfte ausgehen. Als Anhaltspunkt für die Zeiten im Kletterführer, solltet ihr eine Route wie die „Frendo Spur“ an der Aguille die Midi als entspannte Morgenkletterei machen können.

 

Mont Blanc (4.810m), Grand Pilier d’Angle im Eis (AS)

Der Sommer 2014 war kein Sommer wie im Bilderbuch. Das Gute daran: Die Nordwände waren während der Schönwetterfenster den ganzen Sommer bis in den Herbst hinein in gutem Zustand.

Die Südseite des Mont Blanc ist fantastisch. Man kann zwar mit der Bahn recht weit hoch, aber die beschriebene Route und viele andere Touren starten im Tal. Der Innominatta-Grat, die Säulen des Mont Brouillard, der Peuterey Integral und natürlich der zentrale Frêneypfeiler sind alles Klassiker und alpines Pflichtprogramm. Mein alpiner Traum sind die Eisrinnen am Brouillard und die Felsklettererei über den Grand Pilier D’Angle. Den Mont Blanc von der italienischen Seite über Eis zu besteigen, ist einfach unbeschreiblich.

Der Zustieg zur Wand ist ziemlich kompliziert und auch gefährlich: Vom Kuffnergrat gelangt ihr direkt unter die riesige Brenvaflanke zum Col Moore – ich bin hier auch schon bei trockeneren Bedingungen umgekehrt.

Auch hier startet ihr am besten nachts bei kalten Bedingungen. Auf kompaktem Schnee kommt ihr schnell voran. Wir sind viel solo geklettert, haben hier und da mit dem Seil gesichert. Im unteren Teil sind wir die Bouchard Route geklettert, die euch in einer logischen Linie zum Boivin/Vallencant Gully bringt, den ihr optimalerweise bei Sonnenaufgang erreicht. Danach geht es über den oberen Berghang zum finalen Peutereygrat. Wenn es im Herbst kühler ist, kann man einen großen Teil der Route auch bei Helligkeit klettern. Wie bei den Droites kann man hier, abhängig von den Verhältnissen, viele Varianten gehen – hat dann aber einen sehr langen Abstieg vor sich.

Auf den Gipfeln des Grand Pilier D´Angle (4.243m), des Mont Blanc de Courmayeur (4.748m) und des Mont Blanc selbst werdet ihr zurück in eine Welt mit anderen Menschen gebracht. Für den Abstieg stehen viele Varianten zur Verfügung. Eine davon ist die Pope Route über die freundliche Gonellahütte, ein wirklich schöner Weg auf der wilden, italienischen Seite. Am besten habt ihr dann auf dieser Talseite auch ein Auto stehen.

Ausrüstung:

Lange Seile mit kleinem Durchmesser, Material mit dem ihr schnell in Gelände A1 4/5 unterwegs seid, Kocher, Biwakausrüstung (je nach Geschwindigkeit und Bedingungen), Glück und einen oder zwei gute Seilpartner.

 

Es ist nicht einfach, sich für drei alpine Klassiker zu entscheiden. Denn jede Tour brennt sich als Erinnerung in mein Gehirn, auch lange, nachdem ich mich von den körperlichen Strapazen erholt habe. Hier habe ich euch von drei Abenteuern erzählt, die ich zusammen mit großartigen Menschen erleben durfte, bei denen die Bedingungen passten und die Sterne richtig standen. Ich wünsche euch viel Glück und Erfolg!

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