Aller guten Dinge sind Drei

"Seit über zehn Jahren lebe ich nun in Peshastin, einer kleinen Stadt im Staat Washington. Wenn ich in meinem Garten stehe, sehe ich Obstbäume und gleich dahinter schroffe Gipfel am Horizont – ein atemberaubender Blick. Innerhalb weniger Minuten bin ich mitten in den Bergen, die ich von meinem Wohnzimmer aus sehe. Eigentlich gehören sie sozusagen zu meinem Garten!

Meine Hausberge gehören zur Stuart Range der Rocky Mountains und schon bevor ich hierher zog, konnte ich ein paar schwierige Routen dort erstbegehen. Seit ich hier wohne, folgten natürlich weitere Routen, die ich zusammen mit guten Freunden erschloss. Nach und nach reihten sich diese Routen in die „Washington Classics“ ein und ich war sozusagen Zeuge dieser Entwicklung. Einige der Routen, die ich eingebohrt habe und frei geklettert bin, zählen mittlerweile zu den populärsten der Region.

Meine Kletter-Community ist wirklich großartig, sie pusht mich nicht nur beim Klettern, sondern auch im Alltag. Wir sind eine richtig eingeschworene Gemeinde. Blake Herrington, der nur ein paar Häuser weiter wohnt, ist einer der bedeutendsten Athleten dieser Region. In den vergangenen Jahren waren Blake und ich oft als Zweierseilschaft unterwegs und entwickelten eine gemeinsame Vision: Wir wollten eine Tour machen, die sich in einem Bogen durch die Stuart Range zieht und dabei drei der schönsten aber auch schwierigsten Routen der Region klettern. Das Projekt nannten wir „The Enchanting Triple“. In unter 24 Stunden wollten wir es schaffen. Am Ende würden für diese neue, zusammenhängende Tour über 1.400 Höhenmeter technisches Klettern und gut 30 km Laufstrecke im Tourenbuch stehen. Diese Strecke zieht sich durch raues, teils wegloses Gelände zwischen den einzelnen Routen. Wir wussten, dass die Umsetzung unseres Plans nicht ganz einfach werden würde, aber das spornte uns umso mehr an. Ja, diese gewisse Ungewissheit ließ uns noch motivierter an die Sache rangehen…

Der Morgen, an dem es losgehen sollte, war sehr klar und kalt. Zur ersten Route Let it Burn gehört ein Teil der Colchuck Balanced Rock. Als ich diese Route vor Jahren zum ersten Mal geklettert bin, habe ich oft auf die Sonne gewartet, die den Fels wärmt. Heute mussten wir die Route jedoch noch vor dem Frühstück beenden um im Zeitplan zu bleiben. Blake stieg also im kühlen Schatten vor und schon ein paar Stunden später hatten wir es geschafft und liefen auf der Rückseite abwärts zur nächsten Route.

Der Dragontail Peak ist ganz anders als der silberne, feste Fels an dem wir gerade noch unterwegs waren. Der Granit dort ist dunkel und wirkt bedrohlich. Auf der linken Seite des Bergs ist die Route Dragons of Eden, die ich 2009 erstbeging. Seitdem bin ich sie mehrere Male geklettert, es lag also nahe, dass ich diesmal den Vorstieg übernahm. Bis zur Schlüsselstelle ging auch alles gut. Eigentlich war diese Seillänge auch nie ein Problem für mich - doch das sollte sich ändern. Es waren wohl meine Nerven und die Erschöpfung, so dass ich an diesem Tag gleich zwei Mal ins Seil stürzte. Beim dritten Anlauf klappte es endlich. Trotzdem spielte mir meine Psyche übel mit. Ich stieg weiter vor, war aber völlig verunsichert. Der einstündige Zeitverlust und meine schwindende Energie konnten nun über Erfolg oder Misserfolg entscheiden.

Zur nächsten Route, Der Sportsman am Prusik Peak, sind es fast fünf Kilometer. Um die verlorene Zeit wieder reinzuholen, sind wir diese Distanz buchstäblich gerannt. Jeder Kletterer, der die elegante Form des Prusik Peak sieht, ist sofort fasziniert. Man befindet sich mitten in

einer zauberhaften Landschaft aus Granit und Lärchenwald. Eine beeindruckende Kulisse, die das Herz eines jeden Kletterers höher schlagen lässt und noch dazu phänomenale Klettereien bietet! Unsere finale Route für heute teilten wir uns im Vorstieg auf. Blake übernahm die erste Hälfte, ich die zweite. In der letzten Seillänge schleppte ich mich nur noch bis zum Gipfel. Ich war fertig, absolut fertig. Oben angekommen fielen Blake und ich uns nur kurz, aber total erleichtert in die Arme. Jetzt wollten wir nur noch den Abstieg hinter uns bringen: Knapp 18 km und weit über 1.000 Höhenmeter... Schnell packten wir unser Equipment zusammen und machten uns auf den Weg. Schließlich kamen wir völlig erschöpft und wie benommen wieder am Parkplatz an. Aber wir waren überglücklich! Wir hatten unser Ziel erreicht und die drei Gipfel in einer Runde verbunden. Wir waren alle drei Routen hintereinander frei geklettert und nach 23 Stunden und 39 Minuten wieder an unserem Ausgangspunkt zurück.

Dieser grandiose Tag erinnert mich immer wieder daran, mir meine Inspirationen vor der Haustür zu suchen. Ganz egal, wo man wohnt, hinter jedem Gartenzaun warten Herausforderungen. Man muss nur etwas kreativ sein und Chancen ergreifen. Und es kostet nicht viel, immer wieder kleine und größere Ziele vor der Haustür anzugehen. Es ist einfach großartig – geht doch mal raus und probiert es selbst!!"

- Jens

 fotos: Max Hasson Film: Icicle TV

 

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