Das Video oben zeigt ein paar großartige Ausschnitte aus der Route Disco 2000.  

Die Seillängen werden wie folgt bewertet: 7b, 8a+, 7a, 8a+, 7c, 7c, 7b+, 7a, 7a, 6a, 6c, 6b+, 5+.

Schon vor vier Jahren waren wir in der 365m hohen Nordwand des Blåmann in Nordnorwegen unterwegs und schafften es die Route Bongo Bar frei zu begehen (Anm.: Der Blåmann ist mit 1.044 Metern Höhe der größte Berg auf der Insel Kvaløya bei Tromsø). Immer im Augenwinkel: die Disco 2000. Während einer kurzen Verschnaufpause blickte ich nach rechts und sah ein Granit-Labyrinth von Überhängen. Blitzte da nicht etwas? Ein einsamer, eingebohrter Stand mitten in einer blanken Granitwand sprang mir sofort ins Auge. Darüber und darunter war es fast ausnahmslos überhängend. Ich hatte das Bild von Marten Blixt vor Augen, wie er damals im Jahr 2000 im Düstern, nur mit einer Stirnlampe bewaffnet, in einem fiesen Wintersturm diesen Haken einbohrte. Meine Neugier auf die Tour war endgültig geweckt…

Vier Jahre später. Eine halbe Woche verbrachten Jacob (Cook) und ich bei strömendem Regen im Zelt am Wandfuß der Disco 2000. Jetzt hatten wir wirklich genug von der elendigen Warterei, wir wollten vorankommen. Also machten wir uns auf zu dem besagten Stand, um zu gucken, ob man die Route überhaupt frei klettern konnte. Wir kletterten die ganze Nacht durch (die Phase der Mitternachtssonne war gerade vorbei, aber es war die ganze Nacht über noch hell genug), bis wir den Standhaken erreichten. Es gab definitiv genug Griffe in der Schlüsselseillänge. Allerdings war der nächste Überhang, der durch einen feinen, fingerbreiten Riss geteilt war, komplett nass.

 

Zurück im Zelt wurde uns an den darauffolgenden Regentagen schnell klar, dass die ständige Feuchtigkeit die größte Herausforderung der freien Begehung dieser Route sein wird. Calum Muskett stieß in diesen Tagen zu uns und hatte glücklicherweise ein paar regenfreie Tage im Gepäck. Als die Wand nach und nach abtrocknete wurden Jacob und ich so ungeduldig, dass wir nachts um 23 Uhr loszogen, um uns am Arctandria Corner zu versuchen.

Die ersten beiden Seillängen der Disco 2000 sind gleichzeitig die ersten Seillängen der Arctandria und bilden bereits eine der Schlüsselstelle der Tour. Danach geht es links davon durch einen Überhang. Didier Berthod und Giovanni Quirci kletterten 2005 als Erste frei die Route Arctandria. Die 50m hohe, sehr ausgesetzte und unberührte Verschneidung in der zweiten Seillänge wird mit 8a+ bewertet, was uns beide ziemlich einschüchterte.

Immerhin stellte sich heraus, dass sie etwas leichter war, als wir befürchtet hatten. Wahrscheinlich war es die Kombination aus gemeinsamer Versessenheit sie unbedingt klettern zu wollen und die Kälte mitten in der Nacht, die uns so antrieb. Nachdem wir alle Züge verinnerlicht hatten und wussten, wo wir Klemmkeile und Friends setzen konnten, kletterte Jacob im Vorstieg und erledigte den Rest. Seine Teleskop-Arme tasteten sich geschickt wie eine Spinne in zwei Zügen durch die gesamte Schlüsselstelle. Ich stieg sofort hinterher. Es war schon nach Mitternacht und im Düsteren nicht leicht den nächsten Tritt zu sehen, von daher schummelte ich mich eilig durch.

Beim ersten Tageslicht kamen wir wieder unten an und mussten uns erstmal ausruhen. Noch am selben Nachmittag kletterten wir am Fixseil wieder hoch, ich säuberte die Route zu Ende

und Calum machte sich am Arctandria Corner zu schaffen. Später fing es erneut an zu regnen. Calum seilte zuerst am Fixseil ab und als Jacob und ich abseilten, merkte ich bereits, dass die Temperaturen sanken. Ich hielt inne und fragte Jacob, ob ich die Schlüsselstelle jetzt noch mal probieren könne. Erst später realisierte ich, dass Jacob unten am Stand klitschnass wurde, während ich oben im Trockenen kletterte. In den Überhängen über ihm habe ich das nicht ansatzweise mitbekommen. Ich bewegte mich in meiner eigenen Welt, völlig vertieft in diese wahnsinnig abwechslungsreiche Seillänge.

Mein noch nicht vollständig verheilter Knöchel litt enorm unter dem schweren Equipment, dass man beim Big Wall Klettern in solch abgelegenen Gegenden transportieren muss. Von daher freute ich mich umso mehr, dass ich jetzt schmerzfrei in meine Kletterschuhe schlüpfen konnte. Ich musste mich nicht mehr darauf konzentrieren schmerzhafte Bewegungen zu vermeiden, sondern konnte völlig frei und unbeschwert klettern. Dennoch hatte ich natürlich ein wenig Angst vor unvorhergesehenen, plötzlichen Stürzen. Wenn ich jetzt in dem feinen Riss gestürzt wäre, wäre ich ganz schön böse und unsanft in die Wand gefallen. Wir versuchten auch den unglaublichen Fingerriss im nächsten Überhang frei zu klettern. Auch wenn sogar dieser total durchweicht war, war es dennoch eine der besten Seillängen überhaupt. Jacob scherzte dass dort bestimmt ein super Griff sei, an dem wir uns über den Riss hinweg helfen könnten. Ich stimmte ihm zu. Auch wenn ich eigentlich davon überzeugt war, dort mit Sicherheit keinen Griff vorzufinden. Als er nach mehrmaligen Fehlversuchen die Stelle schaffte, fand er einen perfekten Griff, genau dort, wo man ihn sich wünscht. Dort mit den Füßen völlig frei schwingend, erwies sich diese Stelle als spektakuläres Finale kurz vor den Überhang-Seillängen.

 

 

Der Regen hielt uns jedoch davon ab noch weiter zu klettern, von daher brachen wir für diesen Tag ab. Am nächsten Morgen schien die Sonne und die Luft war recht trocken. Die oberen Seillängen waren auf 100m Länge völlig durchnässt nach all dem Regen, aber heute sahen sie schon viel trockener aus. Schnell machten wir uns wieder auf den Weg nach oben, um endlich die letzten Seillängen zu klettern. Jacob und Calum verausgabten sich erfolgreich in einer weiteren 8a in einem rutschigen Überhang. Die nächste 8a darüber hatte ein paar schöne Griffe, dazwischen klaffte aber eine riesige Lücke, von der wir nicht recht wussten, wie wir sie überwinden sollten. Jacob wollte es wagen und übernahm den ersten Vorstiegsversuch. Er wollte versuchen mit einem Dynamo über die kritische Stelle zu gelangen. Offenbar steht er auf Dynamos. Er beherrscht sie auch wirklich gut. Aber als er sich dem Griff entgegenschwang konnte er sich nicht halten, fiel ins Seil und sauste direkt zu mir runter in den Stand. Ich hatte in der Zwischenzeit ein kleines Stückchen Fels mit etwas mehr Relief entdeckt und schlug ihm vor, es dort zu versuchen.

Aber er schien mich gar nicht zu hören. Im Gegenteil, im völligen Adrenalinrausch war er ruck zuck wieder oben und probierte es noch mal. Diesmal gelang es ihm. Ich war mir sicher, dass er in der folgenden, langen 7c nicht noch mal stürzen würde. Von daher lehnte ich mich ein wenig zurück und wartete, bis ich an der Reihe war. Ich entdeckte eine technische Traverse

darüber und so schnell konnten wir gar nicht gucken, hingen wir alle etwas ungeschickt im nächsten Stand.

Zu diesem Zeitpunkt war es schon fast Mitternacht und nördlich und südlich von uns regnete es. Dieser Regen würde in Kürze auch uns erreichen und die Wetteraussichten für die kommenden vier Tage sahen nicht besser aus. Das bedeutete für uns, dass wir ziemlich sicher im Kalten und Nassen irgendwo unterhalb des Ausstiegs Unterschlupf hätten suchen müssen. Wären die Seillängen einfacher, könnten wir es noch vor dem Regen schaffen. Doch sie sahen immer noch sehr nass aus und wir waren uns bewusst, dass jetzt der einzige Zeitpunkt war, um eine realistische Chance zu haben, die Route frei zu vollenden. Also kletterten wir weiter, anfangs in einer klitschnassen 7a Verschneidung. Ich rutschte fürchterlich hin und her und pushte mich mit Motivationsschreien höher. Das sah zwar nicht schön aus, war aber effektiv und ich erreichte den nächsten Vorsprung. Die nächsten beiden Seillängen in der Dunkelheit gingen schneller und so erreichten wir bald einen Felsvorsprung von dem aus es nur noch zwei Seillängen bis zum Ausstieg waren. Die Regenwolken waren nur noch ein paar Minuten entfernt. Aber um ehrlich zu sein, würde der Regen jetzt auch keinen Unterschied mehr machen, es war eh alles triefend nass.

 

 

Meine Jacke klebte mir am Rücken und so kämpfte ich mich den nassen, rutschigen letzten Riss nach oben. Meine Füße platzierte ich auf den trockeneren Tritten links außen. Das muss fürchterlich lächerlich ausgehen haben und es fühlte sich auch so an, aber es war effizient und ich kam höher. Immer wieder warf ich triefend nasse Torfstückchen nach unten, sie halfen mir meine völlig durchweichten Hände zumindest etwas trocken zu kriegen. Ich hangelte mich durch den Überhang, der in trockenem Zustand total einfach gewesen wäre, danach war ich völlig ausgepumpt. Schlussendlich fing es just in dem Moment an zu regnen, als ich die letzten Züge in der Seillänge kletterte. Innerhalb von fünf Minuten waren wir klitschnass und das Wasser schoss die Wand hinunter. Wir aber kraxelten jetzt überglücklich bis zum Gipfel.

Eigentlich wollten wir die Route nach dieser freien Begehung auch noch an einem Tag Rotpunkt klettern, was durchaus möglich ist, aber es regnete noch tagelang weiter und die Route war klitschnass. Also probierten wir es nicht einmal. Aber ich war überglücklich mit dem, was wir erreicht hatten. Wir haben jeden trockenen Moment vollkommen ausgenutzt, und sind die gesamte Route in 50 Stunden, mit Regenunterbrechungen, frei geklettert. Die Locals, die wir unten in unserem einsamen Camp und auf dem Weg dorthin trafen waren alle super nett und freundlich. Das zusammen mit der genialen Kletterei machte es alles in allem zu einer wahnsinnig tollen Erfahrung. Diese Ecke in Norwegen hat uns wirklich sehr beeindruckt.

Words: Dave MacLeod - Photos/Film: Dave Macleod, Jacob Cook, Calum Muskett & Paul Diffley

 

 

Dave MacLeod

Als etablierter Kletterer zählt Dave zu den Besten der Welt. Mit seinem Namen bringt man zahlreiche spektakuläre Begehungen in Verbindung. Zudem hebt er Trad- und Scottish Winter Climbing immer wieder auf ein neues Niveau. 

 

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